Interview für Bachelorarbeit zum Thema Menstruation

Magdalena Vigl, Hebammenstudentin der FH Salzburg hat mich für ihre Bachelorarbeit VOM TABU ZUM JUHU - Über die Relevanz hebammengeleiteter Aufklärung zum Thema Menstruation interviewt. 

Sie hat das Thema gewählt, weil heutzutage die Mehrzahl junger Mädchen (60 % zwischen 13 und 17 Jahren) ihrer eigenen Menstruation negativ gegenüberstehen. Magdalena möchte mit ihrer Arbeit herausfinden, welche Faktoren die negative Grundeinstellung beeinflussen und wie hebammengeleitete Aufklärung dem entgegenwirken kann.

Vom Tabu zum Juhu

Magdalena: Was war deine persönliche Motivation, sich mit der Aufklärung von Mädchen/Frauen zu beschäftigen? 

Angelika: Verhütung! Ich wollte die Pille nie nehmen und habe sie auch nie genommen. Auf der Suche nach natürlichen Verhütungsmethoden fand ich das Buch "Natürliche Empfängnisregelung" von Prof. Dr. med. Josef Rötzer. Das Buch erklärt in einfachen Worten wie der Zyklus wirklich funktioniert. Zum ersten Mal verstand ich den Zyklus, wann welche Hormone wirken, warum der Zyklus nicht immer 28 Tage haben muss, wann der Eisprung stattfindet,... In der Schule haben wir zwar vom Zyklus gelernt, aber tatsächlich verstanden hab ich ihn nicht. Ganz im Gegenteil: das was wir in der Schule gelernt haben hat mich verwirrt - und verunsichert, da sich mein Zyklus nicht nach Lehrbuch verhalten hat. Ich habe gemerkt, wie wir diese Verwirrung/Verunsicherung in unser Erwachsenenleben mitnehmen: 

  • Sexualität scheint zwar durch die Medien kein Tabu mehr zu sein, aber kaum jemand erlebt wahre, tiefe Erfüllung in seiner Sexualität. 
  • Kaum jemand ist wirklich zufrieden mit seiner Verhütungsmethode. Viele Frauen möchten wegkommen von der Pille, weil sie sich nicht wohlfühlen, aber es scheint keine verlässlichen Alternativen zu geben. Natürliche Verhütung hat einen schlechten Ruf und deshalb greifen viele zu Kupferspirale oder Goldbändchen. Nicht aus Überzeugung, sondern weil sie nicht wissen, wie sie sonst eine Schwangerschaft vermeiden können... 
  • Wenn wir Frauen nicht darauf achten wann das Baby gezeugt wird, berechnen wir den Geburtstermin falsch. Auf Grund eines falsch berechneten Geburtstermins steigt die Zahl der Geburtseinleitungen und Kaiserschnitte drastisch an. Interventionen bei der Geburt können gravierende Auswirkungen auf Mutter&Baby haben (sowohl im Wochenbett, als auch fürs restliche Leben). 

Wenn wir allerdings selber über unseren Körper/Zyklus Bescheid wissen, sind wir nicht mehr so abhängig von außen und können Entscheidungen in unserem Leben auf einer fundierteren Basis treffen. Wenn wir über unseren Zyklus Bescheid wissen, bekommen wir einen tieferen Zugang zu Sexualität. Wenn wir über unseren Zyklus Bescheid wissen, müssen wir Verhütung nicht mehr in fremde Hände legen, sondern können mit diesem Wissen eine Schwangerschaft vermeiden (oder auch anstreben - unerfüllter Kinderwunsch ist ein weit verbreitetes Thema in unserer Zeit). Wenn wir über unseren Zyklus Bescheid wissen, kann Geburt ein selbstbestimmtes Erlebnis werden, das uns vorbereitet und Kraft gibt für die Mutterschaft. Wenn wir bereits als Kinder, also von Anfang an lernen wie unser Zyklus wirklich funktioniert und unseren Körper kennen, können wir viele Probleme im Erwachsenenalter vermeiden. 

Magdalena: Wieviel Erfahrung hast du damit? 

Angelika: Ich befasse mich seit vielen, vielen Jahren mit unseren Frauenthemen und einer ganzheitlichen Lebensweise. Vieles hat angefangen als ich mir überlegen musste, wie ich verhüten will. Mit 16 Jahren ging ich für 1 Jahr nach Amerika. Meine Mama fragte mich, ob ich mir die Pille verschreiben lassen möchte. Doch ich wusste bereits damals - NEIN, ich möchte die Pille nicht nehmen. Ich hab sie nie genommen und werde sie auch nie nehmen. Meine jahrzehntelange Erfahrung, Vorträge&Kurse, die ich halte und unzählige Gespräche mit Frauen allen Alters aber auch Männern zeigen mir immer wieder wie wichtig es ist, dass wir Frauen selber über unseren Körper Bescheid wissen. 

Magdalena: Was wurde dir dabei besonders wichtig? 

Angelika: Wenn wir selber über unseren Körper Bescheid wissen, gibt uns das ein Selbstbewusstsein und ein Selbstvertrauen, das wir von außen nicht bekommen können. Kein Arzt, kein Guru, kein Buch kann uns dieses tiefe Vertrauen in unseren Körper geben. Die Medien "verkaufen" uns unsere Frauenthemen wie Blutung, Fruchtbarkeit, Weiblichkeit, Schwangerschaft, Geburt&Wechsel häufig als Krankheit, oder zumindest als lästige Plage. Man lässt uns glauben, dass unser Körper eine Fehlkonstruktion der Natur ist. Doch es liegt so viel Weisheit in unseren Frauenthemen. Wenn wir aufhören gegen unseren Körper zu arbeiten, würden uns die Frauenthemen nicht Kraft kosten sondern wir könnten Kraft aus ihnen schöpfen. Das Wissen über unseren Körper ist ein Wissen, das jedes Mädchen und jede Frau braucht um Gesundheit nachhaltig zu sichern. 

Magdalena: Was denkst du sind die wichtigsten Einflussfaktoren auf das Erleben der Menstruation? 

Angelika: Wie ein junges Mädchen ihren Zyklus wahrnimmt, hängt viel davon ab wie ihr Umfeld über Blutung aber auch Schwangerschaft, Geburt, Wechsel,... denkt. Einmal hat ein junges Mädchen zu mir gesagt: "Männer haben es doch viel schöner als wir. Die haben keine lästige Tante, die jedes Monat kommt und müssen nicht DIE Schmerzen erleben." Das Mädchen hat das nicht gesagt, weil es das selber glaubt, sondern weil es das von den Medien und höchstwahrscheinlich auch ihrer Familie so gehört hat. Es ist nicht verwunderlich, dass Frauen keine Freude am Frausein haben, wenn sie permanent hören... 

          …dass sie gegen den Zervixschleim Slipeinlagen verwenden sollen, ohne zu erklären, dass Zervixschleim ein Zeichen ist, dass wir fruchtbar sind und sich unser Körper so verhält, wie es von der Natur vorgesehen ist. 
         …dass gegen PMS einfach nur die Pille verschrieben werden muss, obwohl PMS nicht die Wurzel des Problems ist, sondern ein Symptom und darin eine Botschaft an uns wäre uns etwas Ruhe zu gönnen anstelle es mit einem Medikament (die Pille ist ein Medikament) zu unterdrücken.
         …dass Geburt ein schreckliches Erlebnis ist und dass man sich die Schmerzen ersparen kann, indem man einfach einen Kaiserschnitt machen lässt, ohne uns zu sagen, dass ein Kaiserschnitt mit großer Wahrscheinlichkeit Neben- und Nachwirkungen hat.

Wir als Gesellschaft müssten dringend anfangen sich mit unseren Frauenthemen zu versöhnen. Sie sind von der Natur perfekt durchdacht. Es sind Themen, die jede Frau auf dieser Welt betreffen. In welcher Form auch immer, aber beinahe jede Frau kommt irgendwann mit Blutung, Fruchtbarkeit, Schwangerschaft, Geburt, Wechsel in Berührung. Wenn wir als Gesellschaft anfangen diese Themen zu feiern statt gegen sie anzukämpfen, kann sich das nur positiv auf uns, auf unsere Gesundheit, auf unsere Beziehungen, auf unser gesamtes Leben auswirken... 

Magdalena: Was sind aus deiner Sicht Qualitätsmerkmale für Menstruations-Aufklärung? 

Angelika: Nicht nur Kopfwissen zu vermitteln, sondern darauf hinweisen wie wichtig das Gefühl bei unseren Frauenthemen ist. In anderen Bereichen sind Fakten, Zahlen, Formeln, Statistiken notwendig, aber bei unseren Frauenthemen hat das was wir wahrnehmen oft mehr Bedeutung als das was wir mit unserem Verstand begreifen können. Was wir spüren, ist nicht immer logisch und dennoch führt uns unser Körper. Wenn wir lernen ihm zu vertrauen, hilft uns das in so vielen Bereichen des Lebens. So wie wir bei Geburt nicht davon ausgehen können, dass sich der Muttermund pro Stunde um 1 cm öffnet, so ist auch unser Zyklus kein Programm, das jedes Mal gleich abläuft. Um unseren Zyklus richtig verstehen zu können, brauchen wir beides: das Kopfwissen, das uns zB verstehen lässt, dass der Eisprung nicht zu jedem beliebigem Zeitpunkt im Zyklus stattfinden kann und das dazugehörige Körpergefühl, das uns spüren lässt was im Zyklus gerade vorgeht. Wenn wir versuchen den Zyklus nur mit dem Kopf oder nur mit dem Gefühl zu verstehen, sehen wir nicht das gesamte Bild. 

Magdalena: Was kann aus deiner Sicht gute hebammengeleitete Menstruations-Aufklärung bewirken? 

Angelika: Ich habe die große Hoffnung, dass alle Frauen selbstbewusster werden und mehr Selbstvertrauen bekommen, wenn wir über unseren Zyklus Bescheid wissen und unsere Frauenthemen zurückfordern. 

Frauen würden selber wissen, ob sich der Zyklus so verhält, wie er sich verhalten soll oder ob sie Hilfe von außen brauchen. 

Frauen würden die Verhütungsmethode aus Überzeugung wählen und sich nicht für das "geringste Übel" entscheiden, das die Verhütungsindustrie gerade auf dem Markt hat. Natürliche Verhütung hat zu Unrecht einen schlechten Ruf. Frauen können heutzutage Flugzeuge bauen, riesen Konzerne führen, Staaten regieren, Karriere machen und gleichzeitig Ehefrau, Mutter und Hausfrau sein. Wir studieren, lernen Technik, bilden uns weiter und machen Yoga um besser mit unserem Körper verbunden zu sein. Und daher können wir Frauen auch sicher die Sprache unseres Körpers lernen. Sobald wir sie kennen, ist der Aufwand von natürlicher Verhütung nur noch wenige Minuten am Tag und der Pearl Index (gibt die Zuverlässigkeit einer Verhütungsmethode an) erreicht mindestens die selben Werte wie die der Pille. 

Frauen könnten den Geburtstermin selber berechnen und müssten nicht den Arzt fragen, wann sie Sex hatten um den Geburtstermin herauszufinden. Das würde dazu führen, dass die Geburten selbstbestimmter werden, weil es zu weniger Geburtseinleitungen kommt, die auf Grund eines falsch berechneten Geburtstermins durchgeführt werden. 

Ich glaube allerdings, dass es nicht ausreicht eine gewisse Altersgruppe aufzuklären. Frausein begleitet uns unser ganzes Leben. Vom jungen Mädchen bis zur Großmutter, alle sollen über ihren Körper und ihren Zyklus Bescheid wissen. Wenn wir Frauen die Weisheit&Kraft in unseren Frauenthemen für uns nützen würden, würden wir ein glücklicheres, gesünderes und erfüllteres Leben leben. Und wenn wir ein glücklicheres, gesünderes und erfüllteres Leben leben, dann tun das auch unsere Familien und die gesamte Gesellschaft… 

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